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1. Dezember 2025

Zivilcourage geht dich was an – genau dich!

Wir warten gerne darauf, dass „jemand" handelt – am besten jemand mit Uniform. Aber was, wenn dieser Jemand versagt? Drei Geschichten und ein Aufruf zur Neuausrichtung.


Diesen Artikel haben wir von Matt Langdon vom Heroic Imagination Project übernommen und ein bisschen überarbeitet. Danke Matt!

Wer ist eigentlich zuständig, wenn jemand handeln muss?

Wir glauben meistens, dass jemand etwas tun wird. Besonders dann, wenn dieser Jemand eine Uniform trägt, im Rettungsdienst arbeitet oder einen bestimmten Titel hat. Wir bringen unseren Kindern von klein auf bei, im Notfall einen Lehrer, einen Bademeister oder eine freundliche Ladenbesitzerin zu suchen. Wir halten instinktiv Ausschau nach den Menschen, die helfen sollen.

Aber was passiert, wenn sie es nicht tun?

Das ist kein Gedankenexperiment. Es ist ein beobachtbares Muster. Wir haben es immer wieder gesehen: Wenn es ernst wird – wenn das Gebäude brennt, die Kugeln fliegen oder das Schiff sinkt – handeln die Menschen, von denen wir es erwarten, nicht immer. Oder nicht so, wie sie sollten.

Und wenn alle auf sie warten, bleibt niemand übrig, um das Nötige zu tun und Menschenleben zu retten.

Dieser Text ist keine Anklage. Er ist ein Aufruf zur Neuausrichtung.

Wenn wir uns eine mutigere Welt wünschen, dürfen wir Mut nicht länger auslagern. Wir dürfen nicht automatisch davon ausgehen, dass jemand anders – der Polizist, der Kapitän, der Direktor, die Chefin – schon tun wird, was getan werden muss. Denn manchmal tun sie es eben nicht.

Und genau dann, liebe Leserin, lieber Leser, brauchen wir dich.

Costa Concordia: Der Kapitän, der ins Rettungsboot „gefallen" ist

Die Costa Concordia lief 2012 auf Grund, nachdem ihr Kapitän, Francesco Schettino, das Schiff aus Ego-Gründen gefährlich nah an die Küste manövriert hatte. Es rammte einen Felsen und begann zu sinken. Was folgte, war Chaos.

Schettino behauptete später, er sei aus Versehen in ein Rettungsboot gefallen. Funkprotokolle deuten auf etwas anderes hin. Der Küstenwachen-Kommandant Gregorio De Falco schrie ihn berühmt-berüchtigt an: „Vada a bordo, cazzo!" („Gehen Sie verdammt nochmal an Bord!"). Schettino tat es nie.

Aber während der Kapitän das Schiff verließ, sprangen andere in die Lücke: Der 19-jährige James Thomas verwandelte sich selbst in eine menschliche Leiter, um Dutzenden Menschen das Übersetzen in Rettungsboote zu ermöglichen. Friseur Giovanni di Mauro koordinierte sieben Stunden lang die Evakuierung Hunderter Passagiere und verließ das Schiff als Letzter. Später sagte er: „Ich war da, um zu helfen – aber irgendwann dachte ich, ich würde sterben." Viele gaben ihre Rettungswesten an andere weiter.

De Falco sagte später, die Evakuierung sei trotz der Führung gelungen, nicht wegen ihr.

Als der Kapitän versagte, machten der Koch, die Putzkraft und der Nachbar in Kabine 397 den Unterschied.

Uvalde: Die Türen blieben verschlossen

2022 betrat ein bewaffneter Mann die Robb Elementary School in Uvalde, Texas, und eröffnete das Feuer. Neunzehn Schüler und zwei Lehrer starben. Doch was diese Tragödie besonders erschütternd machte, war nicht nur der Verlust von Leben – sondern das Nicht-Handeln.

Die Polizei war innerhalb weniger Minuten vor Ort. Und dann? Wartete sie. Über eine Stunde lang standen die Einsatzkräfte im Flur, während Kinder aus den Klassenräumen den Notruf wählten. Ein Untersuchungsbericht kam zu dem Schluss: „Die Einsatzkräfte hielten sich nicht an ihr Training für Amoklagen und setzten ihre eigene Sicherheit über das Leben der Opfer."

Zwei Monate zuvor hatte die Schule genau für diesen Ernstfall geübt. In den Unterlagen hieß es: „Ein Ersthelfer, der nicht bereit ist, das Leben Unschuldiger über seine eigene Sicherheit zu stellen, sollte einen anderen Beruf wählen."

Anscheinend tat das niemand.

Im Inneren der Schule warteten die Kinder und Lehrer nicht. Eine Lehrerin schützte ihre Schüler mit ihrem eigenen Körper. Ein Kind bedeckte sich mit dem Blut eines toten Mitschülers, um tot zu wirken. So überlebte es. Das ist Mut – wenn keine Retter kommen.

Oceanos: Und die Band spielte weiter

Eine der Geschichten, die Matt Langdon zu Beginn seiner „Heldentrainings"-Karriere gerne erzählt hat, handelt vom Kreuzfahrtschiff Oceanos, das 1991 vor Südafrika sank. Oder genauer: vom Bordgitarristen Moss Hills.

Als klar war, dass das Schiff sinkt, verließen die Offiziere leise das Schiff per Helikopter. Kein Alarm. Kein Evakuierungsbefehl.

Die Entertainer übernahmen das Kommando. Moss nahm Funkkontakt zur südafrikanischen Marine auf und koordinierte die Rettung. Gemeinsam mit seiner Frau Tracy, einer Sängerin, organisierte er die Evakuierung und die Rettungsboote.

Ein anderer Sänger, Alvon Collison, begann sogar aufzutreten, um die Passagiere zu beruhigen – unterbrach aber rechtzeitig vor der Zeile „This'll be the day that I die". Vielleicht sein größter Auftritt.

Die Crew floh. Aber die Band blieb, spielte – und rettete 571 Menschen.

Keiner hatte sie dazu autorisiert. Kein Abzeichen. Kein Protokoll. Nur eine starke Vorstellungskraft und der Wille zu handeln – ohne auf eine Legitimation zu warten.

Der Mythos der Zuständigkeit

Uns wird beigebracht, Autorität zu respektieren – und oft ist das auch vernünftig. Doch in Notfällen kann dieses Vertrauen gefährlich werden. Sozialpsychologen sprechen vom „Verantwortungsdiffusionseffekt": Wenn viele Menschen anwesend sind, geht jeder davon aus, dass jemand anderes es tun wird. Und wenn dieser „jemand" Uniform trägt, wird dieser Effekt noch stärker.

Aber auch Menschen in Uniform sind fehlbar. Training hilft. Erfahrung hilft. Doch Mut garantiert beides nicht.

Wir glauben gerne, dass wir im Ernstfall handeln würden. Aber ebenso gerne glauben wir, dass jemand anderes, jemand Zuständiges, es vor uns tut.

Deshalb ist Zivilcourage-Training wichtig

Es durchbricht die inneren Blockaden. Es erinnert uns: Manchmal ist der mutigste Schritt, einfach als Erster zu handeln – auch wenn man noch nicht für alles eine Lösung hat. Einfach den ersten Schritt machen. Nicht, weil man dazu aufgefordert wurde – sondern weil niemand sonst es tut. Oder weil man es tun kann.

Gewöhnliche Menschen, außergewöhnliche Rollen

Beim Concordia-Unglück waren es Küchenhilfen und Hilfskräfte, die alte Menschen zu den Rettungsbooten trugen. Ein Pianist an der Bar gab seine Rettungsweste einem Gast.

In Uvalde waren es Grenzschutzbeamte, die trotz Verbots in die Schule eindrangen und den Täter stoppten. Sie waren nicht autorisiert. Aber sie handelten.

Diese Geschichten verdienen Aufmerksamkeit. Nicht, weil sie tröstlich sind – sondern weil sie lehrreich sind. Sie zeigen uns: Heldentum kommt oft nicht von oben, sondern von nebenan. Oder vielleicht sogar – von uns selbst.

Training für Untrainierte

Bei Team Zivilcourage bringen wir Menschen bei, mit der eigenen Zögerlichkeit – und der anderer – zu rechnen. Und sich vorzubereiten, genau darauf zu reagieren. Das wichtigste Training ist nicht taktisch, sondern psychologisch. Man muss den Moment durchspielen, bevor er kommt.

Wir fragen: „Wenn nicht du, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Wenn die Antwort jemand mit Titel oder Amtsbezeichnung ist, wartest du womöglich für immer.

Denn die, von denen wir erwarten, dass sie Verantwortung übernehmen, tun es manchmal nicht. Und dann sind es ganz normale Menschen – wie du, ja du – die eingreifen müssen und können.

Warte nicht auf einen Auftrag. Glaube nicht, dass die Führungsperson automatisch das Richtige tut. Frage dich, was getan werden muss. Und dann: Tu es, wenn du kannst.

Du bist niemals „nur" ein Passagier. Niemals „nur" ein Elternteil. Niemals „nur" eine Lehrerin, ein Gast oder ein Zuschauer.

Trainiere hinzuschauen. Trainiere zu handeln.